nachtrag zu den Apfelstillleben:

Das „Schlüsselbild der Moderne schlechthin“, ein Skandal!

 

Fünf nackte Frauen präsentieren sich schamlos dem Betrachter. In einigen der vielen Vorstudien stellte Picasso den „Demoiselles d‘Avignon“ noch zwei Männer zur Seite, denen die Zuwendung der Frauen galt. In der endgültigen Version von 1907 sind sie verschwunden, der Betrachter selbst wird in die Position des Freiers versetzt, der nun die Qual der Wahl hat. Sieht in den früheren Versionen das kleine Stillleben im Vordergrund noch so aus, als gäbe es zur Fleischeslust noch Häppchen für jeden als Gaumengenuss, ist in der Endversion das Angebot reduzierter: ein Apfel, eine Birne, ein Stück Melone und eine Traube Wein.

 

Bei der Rekonstruktion des Stilllebens stellte sich heraus, dass die Anordnung der Gegenstände nicht nachzubauen ist: das Melonenstück kann nicht so diagonal arrangiert werden wie im Bild, da es sich in die horizontale Position schaukelt. Es bedarf einer Stütze, um die schräge Anordnung zu erhalten. Darüber hinaus entsteht beim Schneiden der Melone keine gekurvte, sondern eine gerade Kante. Es sind also nicht "im Vergleich zu den Figuren illusionär gemalten Früchte" (Wikipedia) sondern Bildelemente, die der übrigen kubistischen Deformation der Figuren entsprechen.

 

Soweit das kleine Stillleben überhaupt Erwähnung findet, wird von den Kunsthistorikern nach den üblichen symbolischen Bedeutungen gesucht und es wird gefunden: Verführung, Fruchtbarkeit, Lust und Liebe. Ein veritabler Kunsthistoriker (Lawrence D. Steefel, Jr.) versteift sich sogar zu der Theorie, das Stillleben stelle ganz unverblümt das männliche Geschlechtsorgan dar. Die hier abgebildete rekonstruierte Fassung bietet nun die Möglichkeit, diese Theorie zu überprüfen. Wie auch immer diese Prüfung ausfällt, das Bild gilt trotz seines skandalträchtigen Motivs als das „Schlüsselbild der Moderne schlechthin“. (Klaus Herding, Pablo Picasso, Les Demoiselles d'Avignon, Frankfurt am Main, 1992, S. 5)

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